Artikel: Caroline Hadida
Sie ist die Gründerin von Maison Marcelle – einem Schmuckhaus, das den Namen ihrer Großmutter trägt, jener Frau, die sie großgezogen hat. Caroline arbeitete zunächst als Modesignerin. Eines Tages ließ sie die Modewelt – geprägt von Saisons und Vergänglichkeit – hinter sich und wandte sich dem Fine Jewelry zu. Dem, was bleibt.
Interview
1. Erinnerst du dich an den Moment, in dem du beschlossen hast, von der Mode zum Schmuck zu wechseln?
Es gab keinen einzelnen Moment. Es geschah langsam – beinahe, ohne dass ich bewusst eine Entscheidung getroffen hätte.
Viele Jahre arbeitete ich mit Kleidung: mit Stoffen, Volumen und der Art und Weise, wie eine Silhouette entsteht. Irgendwann begann ich, Schmuck anders zu betrachten – nicht als Accessoire, sondern als eigenständiges Objekt. Als ein kleines Stück Architektur, das auf dem Körper getragen wird.
Was mich faszinierte, war das Material. Aus einem rohen Metall etwas zu schaffen, das Bestand hat und nicht altert wie ein Kleidungsstück. Und die Freiheit, die es bietet: Im Schmuck kann ich mit Volumen, Proportionen und Beweglichkeit sehr viel weiter gehen. Wenige Millimeter verändern alles. Darin habe ich meine eigene gestalterische Sprache gefunden.
2. Jedes deiner Schmuckstücke wird aus 18-karätigem Gold gefertigt, und du legst großen Wert auf höchste handwerkliche Präzision. Wer fertigt deine Schmuckstücke?
Die Fertigung ist kein Schritt, der erst nach der Zeichnung beginnt. Sie ist Teil des kreativen Prozesses.
Ich arbeite hauptsächlich mit Ateliers in Paris zusammen – mit Kunsthandwerkern, mit denen ich in ständigem Austausch stehe. Die Endbearbeitung und das Fassen der Steine erfolgen bei uns im Haus. Während der Entwicklung bin ich bei jedem Schritt eng eingebunden: Wir fertigen Prototypen an, verändern Höhen, Gelenke oder Proportionen – manchmal nur um wenige Millimeter. Manche Entwürfe habe ich fünf- oder sechsmal überarbeitet, bis sich ihre Bewegung genau so anfühlte, wie ich sie mir vorgestellt hatte.
Wir arbeiten ausschließlich mit 18-karätigem Gelbgold. Die Diamanten werden in den Qualitäten D–F und VS ausgewählt. Diese Merkmale erkennt man nicht auf den ersten Blick – doch sie bestimmen, wie ein Stein das Licht einfängt und reflektiert.
Und ich strebe nicht nach Leichtigkeit. Das ist eine bewusste Entscheidung – und ein Risiko, das ich ganz bewusst eingehe. Gold war noch nie so kostbar wie heute, und die Antwort des Marktes lautet fast immer: Volumen reduzieren, Gewicht optimieren und den Eindruck von Material erzeugen, ohne tatsächlich Material einzusetzen.
Ich gehe den entgegengesetzten Weg. Ich arbeite mit großzügigen Volumen und einer außergewöhnlich hohen Menge an Gold. Diese Entscheidung hat ihren Preis – und Maison Marcelle trägt ihn bewusst. Denn ein Schmuckstück mit echter Substanz verhält sich anders als eines, das auf maximale Gewichtsersparnis optimiert wurde: Es liegt ruhig am Handgelenk, bewahrt seine Form und bewegt sich nicht klappernd. Man spürt seine Qualität bereits in dem Moment, in dem man es in die Hand nimmt – noch bevor man es anlegt
Genau das soll man als Erstes an einem Schmuckstück von Maison Marcelle erkennen.
3. Wie würdest du deine Kollektionen beschreiben – und was macht sie einzigartig?
In meiner Arbeit besteht immer eine Spannung zwischen Struktur und Bewegung.
Ich beginne mit einem sehr einfachen Element und wiederhole es – jedoch niemals in regelmäßiger Abfolge. Ich arbeite mit unterschiedlichen Höhen, Rhythmen sowie dem Wechselspiel von Masse und Leere. Gerade diese leicht verschobene Wiederholung lässt aus einer strengen Geometrie eine organische, beinahe lebendige Form entstehen.
Ich möchte Schmuck mit echter Präsenz schaffen. Schmuck mit viel Gold und echtem Volumen, der dennoch feminin bleibt und sich jeden Tag tragen lässt. Die meisten Frauen, die zu mir kommen, besitzen bereits Schmuck der großen Häuser – und sie tragen ihn mit Selbstverständlichkeit. Sie suchen keine weitere Variante dessen, was sie bereits kennen. Sie suchen etwas, das niemand sonst trägt. Etwas, das sie selbst entdeckt haben und das aus der Nähe noch faszinierender wirkt als aus der Distanz.
Dann übernimmt das Licht den Rest – und Licht spielt in meinem Entwurfsprozess eine zentrale Rolle. Ich gestalte die Volumen so, dass sie gegenseitig Schatten werfen und sich das Schmuckstück mit jeder Bewegung des Handgelenks verändert.
Der Diamant wird dabei niemals über die gesamte Oberfläche verteilt. Er befindet sich an einem einzigen, ganz bewusst gewählten Punkt – genau dort, wo das Auge schließlich verweilt und das Licht ihn trifft. Manchmal nimmt man ihn nicht sofort wahr. Er vertieft einen Schatten oder fängt einen Lichtreflex ein, ohne jemals den gesamten Raum einzunehmen. Bei Maison Marcelle „the diamond never shouts“.
4. Dein Juwelierhaus trägt den Namen deiner Großmutter, und du bist Mutter von sechs Kindern. Welche Bedeutung hat für dich das Weitergeben?
Marcelle war meine Großmutter. Sie hat mich großgezogen. Als Kind trug ich ihren Schmuck, ohne darüber nachzudenken, ob er schön war. Ich trug ihn, weil er ihr gehörte und noch etwas von ihr in sich trug.
Darin liegt der Ursprung von Maison Marcelle. Ihr den Namen des Hauses zu widmen, war keine nostalgische Geste. Ich wollte aus dieser Geschichte etwas vollkommen Zeitgenössisches entstehen lassen.
Ein Schmuckstück gehört zu einer Epoche und lebt zugleich in einer anderen weiter. Es wird getragen, erhält Spuren des Lebens, begleitet seinen Menschen über viele Jahre und geht schließlich in neue Hände über. Deshalb verlässt jedes Schmuckstück unser Haus mit einem Begleitheft, das seinen Weg mit ihm fortsetzt und seine Geschichte über die Zeit dokumentiert.
Ich stelle mir vor, dass meine Töchter eines Tages einige meiner Schmuckstücke tragen werden – auf ihre eigene Weise. Genau das bedeutet für mich ein Erbe: Etwas zu erhalten und es anschließend zu etwas Eigenem werden zu lassen.
5. Welches Schmuckstück trägst du selbst am häufigsten?
Ohne zu zögern: mein Équation-Armband.
Es ist das Schmuckstück, das Maison Marcelle am besten verkörpert. Fünfunddreißig bewegliche Elemente, aufgebaut auf der Wiederholung eines einzigen Motivs, dessen unterschiedliche Höhen die Bewegung entstehen lassen. Siebenunddreißig Gramm Gold am Handgelenk. Der Mechanismus ist als Design geschützt – ein Schmuckstück, das ebenso anspruchsvoll in der Herstellung wie schwierig zu kopieren ist.
Flach betrachtet wirkt es fast architektonisch. Am Handgelenk jedoch wird es weich und geschmeidig, folgt jeder Bewegung und verhält sich beinahe wie ein Stoff. Oft trage ich mehrere davon übereinander. Je nachdem, wie sie sich zueinander legen, verändert sich das gesamte Erscheinungsbild.
Viel Material, viel Präsenz – und dennoch trage ich es jeden Tag.
Genau das möchte ich mit Maison Marcelle erreichen.



















